Kaninchen und die Psyche

Ich kann nicht mehr wirklich zählen, wie oft ich diesen Satz in den letzten Jahren gehört habe:
"Mein Kaninchen ist glücklich".

Vor allem wenn es um das Thema Zweitkaninchen geht oder wenn man berät, dass ein Käfig niemals den Platzbedarf eines Kaninchen erfüllen kann.

Kaninchen leiden still.
Man merkt Kaninchen oft nicht an, wenn es ihnen nicht gut geht bzw. die Bedürfnisse der Kaninchen nicht erfüllt werden.
Gerade die Psyche eines Kaninchens wird meiner Meinung nach noch immer extrem unterschätzt.

Den Unterschied zu einem Kaninchen in Einzelhaltung und einem Pärchen oder einer Gruppenhaltung kann man erst erkennen, wenn das Kaninchen nicht mehr alleine leben muss.
Kaninchen sind extrem soziale Tiere (zumindest nach einer Vergesellschaftung, bei der sie sich oft aufführen wie kleine tyrannische Fellmonster).
Sie schlecken sich gegenseitig das Fell, die Ohren und die Augen sauber. Sie kuscheln und schlafen mit- und übereinander. Sie gehen gemeinsam auf Erkundungstour. Sie buddeln gemeinsam und sie fressen gemeinsam,brauchen aber auch einfach mal ihren Freiraum.

Was beeinflusst eigentlich die Psyche eines Kaninchens?

Nichts wird so sehr unterschätzt wie die Psyche von Tieren.
Auch Kaninchen können Einsamkeit empfinden oder Trauer nach dem Verlust eines Partnertieres.
Kaninchen empfinden allerdings nicht wie wir Menschen sondern eben auf Kaninchenart und jedes Kaninchen auf seine eigene Art und Weise.

- Babykaninchen - Trennung von Mutter und Geschwistern
In den meisten Fällen werden Kaninchen in einer Zucht geboren. Meist in kleinen Züchterboxen mit einer Mama und mehreren Geschwistern.
Sie werden viel zu jung von der Mama und den Geschwistern getrennt, da sich kleine, niedliche Kaninchen am besten verkaufen.
Kaninchenbabys sollten bis zur 12. Woche bei der Mama und den Geschwistern bleiben.
Nur hier lernt es das Sozialverhalten im Umgang mit anderen Kaninchen.
Bitte darauf achten, dass die männlichen Jungtiere frühkastriert werden, damit es nicht zu Nachwuchs / Inzucht kommen kann.
Werden die Kaninchen zu jung von der Familie getrennt, können diese schon Verhaltensauffälligkeiten zeigen, da das Sozialverhalten nicht genügend gelehrt werden konnte.
Das Sozialverhalten können Kaninchen nur von der eigenen Familie lernen, da die ersten Wochen prägend sind.

- Einzelhaltung hinterlässt Spuren in der Kaninchenseele
Kaninchen sind extrem soziale Tiere.
Sie schlecken sich gegenseitig das Fell und kuscheln auch sehr viel mit- und untereinander.
Wer da behauptet, dass ein Kaninchen in Einzelhaltung glücklich ist, der hat schlichtweg keine Ahnung von den Bedürfnissen der süßen Wackelnasen.
Kaninchen zeigen ihre Einsamkeit meist nicht, da sie leider oft die Gegebenheit so hin nehmen wie es ihnen geboten wird.
Auch alte oder kranke Kaninche sowie Handicapkaninchen benötigen mindestens einen Partner an ihrer Seite.

Es gibt jedoch auch Kaninchen, die deutlich zeigen, dass sie einsam sind.
Wie zum Beispiel durch:
- Aggression ihrem Menschen gegenüber
- Fressunlust
- Rumliegen, sich nicht wirklich bewegen wollen
- Rütteln und Nagen am Käfig/Gehege
- Gegenstände in der Gegend umher werfen
- extreme Bindung zu einem Menschen oder einem anderen Tier in der Umgebung

Eine extrem enge Bindung zu einem Menschen oder einem anderen Tier haben Kaninchen in der Regel nur, wenn sie keine andere Alternative haben.
Selbstverständlich gibt es Kaninchen die gerne kuscheln oder sehr menschenbezogen sind, jedoch haben viele ja zum Glück die Möglichkeit, auch mit ihren Artgenossen zu kommunizieren und zu leben.

Diese Anzeichen können allerdings auch ein schwerwiegendes gesundheitliches Problem sein oder auch hervorrrufen. Also bitte stets sofort einen Tierarzt aufsuchen.

- Gruppenhaltung - falsche Konstellation verschiedener Kaninchen
Nicht jedes Kaninchen ist für die Gruppenhaltung geeignet.
Zum Beispiel Kaninchen, welche aus Animal Hording Fällen stammen oder auf engstem Raum in Zuchtboxen/Käfigen leben mussten oder auch Laborkaninchen, können mit einer großen Anzahl an Kaninchen einfach schlichtweg überfordert sein. In einer Gruppe kann ein solches ein Tier eventuell nicht wirklich zur Ruhe kommen oder auch noch von anderen Tiere gemobbt werden. Somit zeigt das Kaninchen dann entweder starke Aggressionen anderen Kaninchen gegenüber, oder aber es zieht sich extrem zurück.
Auf jeden Fall sollte man immer im Sinne des Kaninchens entscheiden und es dann lieber aus der Gruppe nehmen und zu einem einzelnen Partnertiere setzen.
Einzelhaltung ist keine Option, da ein Kaninchen ein Partnertier braucht.
Man sollte kein Tier dazu zwingen, in einer Gruppe zu leben, in der es sich nicht wohl fühlt.

- Kranke Kanichen
Kranke Kaninchen können ihre Krankheiten oder auch Schmerzen erst einmal lange verbergen. Wenn man es dann bemerkt, kann es fast schon zu spät sein. Kaninchen können leider sehr schnell versterben, wenn sie nicht schnellst möglich einem Tierarzt vorgestellt und richtig behandelt werden.
Daher ist es besonders wichtig, dass man seine Kaninchen gut kennt und gut beobachtet um sofort reagieren zu können, sobald eine Auffälligkeit erkennbar ist.
Hierzu sind feste Rituale vor Vorteil: wie zum Beispiel ein bestimmtes Futter geben, was den Kaninchen besonders gut schmeckt. Nimmt das Kaninchen das Leckerchen nicht, ist dies ein eindeutiges Warnsignal und man sollte sein Kaninchen sehr gut beobachten!

Sagt einem das eigene Bauchgefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist, sollte man auf das Bauchgefühl hören und das Kaninchen einem Tierarzt vorstellen. Besser ein Mal mehr als zu wenig.

- Langeweile
In der Natur müssen sich Kaninchen selbst beschäftigen:
- Kaninchen müssen sich selbst Futter suchen
- Kaninchen müssen ihre Familie vor Freßfeinden schützen
- Kaninchen haben keinerlei Einschränkung in ihrem Lebensraum (außer den Menschen und Fressfeinden).

Bei unseren Hauskaninchen, selbst wenn sie draußen leben, sieht das dann doch alles schon etwas anders aus.
Kaninchen können hierdurch faul oder gar lethargisch werden.

Daher sollte man seinen Langohren immer wieder das Leben etwas spannender gestalten. Zum Beispiel in Form von einer Buddelkiste oder einem Karton, in den man je einen Ein- wie auch einen Ausgang schneidet. Für den Nagetrieb eignen sich verschiedene Äste sehr gut und Kaninche sind zusätzlich eine Weile beschäftigt im tristen Alltag.
Inzwischen gibt es auch schon einige Logikspiele für Kaninchen, die man anbieten kann.

Allerdings scheidet Kaninhop komplett aus, wenn man hierfür das Kaninchen aus dem eigenen Umfeld reißt oder gar eine Leine umbinden muss.
Dies ist ein Sport, der nicht dem natürlichen Verhalten und Bedürfnissen eines Kaninchens entspricht und hat mit Tierliebe nichts zu tun. Auch diese Kaninchen können Verhaltensstörungen aufweisen.

- Platzmangel
Käfige sind schon lange out!
Jeder, der sich mit den Bedürfnissen eines Kaninchen beschäftig stellt ganz schnell fest, dass Kaninchen ausreichend Platz zur freien Verfügung brauchen und das rund um die Uhr. Je mehr Platz Kaninchen haben umso mehr können sie sich austoben.
Der Unterschied ist klar erkennbar, wenn man den Kaninchen mehr Raum zur Verfügung stellt.
Sehr oft reagieren Kaninchen innerhalb eines Käfigs aggressiv, da dies der einzige Rückzugsort ist den sie zur Verfügung haben. Die Energie staut sich auf, die sie in einem Käfig niemals heraus lassen können. Kaninchen haben einen starken Bewegungsdrang und müssen rund um die Uhr genügend Platz zur Verfügung haben, da reicht ein Auslauf für ein paar Stunden niemals aus, um Verhaltensstörungen vorzubeugen.

- Psychoterror
Das Wort Psychoterror mag zuerst einmal hart klingen, aber es gibt durchaus Kaninchen, die dies Tag für Tag erleben müssen:
Ein Beispiel hierfür sind zum Beispiel die Laborkaninchen.
Laborkaninchen dienen dem Menschen für verschiedene Versuchsreihen von der Kosmetik bis hin zu medizinischen Zwecken und endlos anderen Versuchen.
Ein Beispiel von unsagbar vielen Kaninchen ist meine Shana, welche aus einem dieser Labore stammt.

Auch die Massentierhaltung sehe ich als Psychoterror, in dem sich Kaninchen auf engstem Raum untereinander die schlimmsten Wunden zufügen, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen.

Häsinnen, die zur Massenzucht eingesetzt werden, stehen unter enormem Druck auf Grund von hormonellen Veränderungen, die immer wiederkehren und auch zu wenig Platz und fehlende soziale Kontakte. Die Jungen werden zu zeitig von der Mutter getrennt. Dies kann ein Trauma bei einem Kaninchenweibchen hinterlassen.

Ständiger Wechsel innerhalb einer Kaninchengruppe ist als problematisch zu sehen. Eine Vergesellschaftung ist für Kaninchen immer mit Stress verbunden.

- Stress
Es gibt unglaublich viele Arten ein Kaninchen unter extremen Stress zu setzen, auch ohne dass man dies vielleicht selbst bemerkt:

- Andere Tiere
- zu laute Musik
- ständige Neuzugänge an Kaninchen
- Medikamentengabe
- Krankheit
- Angst vor Menschen
- und vieles mehr
können Kaninchen enorm unter Stress setzen und ihre kleine Welt erschüttern.

Die Medikamentengabe kann man oft schon mit direkter positiver Bestärkung viel angenehmer gestalten.
Außerdem kann man versuchen, Medikamente mit Leckerchen zu verabreichen, so dass man das Kaninchen nicht immer fest halten oder hoch heben muss. So kann sehr starker Stress für ein Kaninchen, welches unter Dauermedikation steht, vermindert werden.

- Tod eines Partnertieres
Wenn ein Partnertier stirbt, wirkt sich das auf die Psyche eines Kaninchen aus.
Nicht bei jedem Kaninchen ist es erkennbar, da viele ihre Trauer nicht offen zeigen oder wir es nicht erkennen.
Jedes Tier trauert vermutlich anders und unterschiedlich ausgeprägt.
Hierbei spielt auch eine Rolle, ob ein Kaninchen aus einer Gruppe stirbt und noch weitere Kaninchen vorhanden sind oder aber, ob es das einzige Partnertier war.
Es spielt es auch eine Rolle, wie nah sich die Kaninchen in ihrem Kaninchenleben standen.

Hier ein paar kleine Beispiele:
Findi & Leon

Nach einer extrem kurzen Vergesellschaftung war klar, Findi hat die Hosen an in der Beziehung.
Aber man konnte auch sehen, dass es die große Liebe war.

 

 

 


Es gibt einfach Unterschiede bei der Kaninchenliebe, das ist nicht von der Hand zu weisen.
Nachdem Leon im Juli 2014 seine letzte große Reise angetreten hatte, veränderte sich Findi Tag für Tag immer mehr.
Sie kam nicht mehr so oft von selbst zu mir um sich Leckerchen ab zu holen.
Wenn ich sie anfassen wollte, dann kniff sie mich heftig.
Sie zog sich immer mehr zurück, wurde immer zickiger und angriffslustiger.

Als im September 2014 dann Casey einzog und nach einer heftigeren Vergesellschaftung ihr neuer Schmusepartner wurde, da wurde sie wieder zugänglicher und kam auch von selbst auf mich zu.
Die Vergesellschaftung war anders und auch das Zusammenleben der beiden ist anders. Es hat auch lange gedauert, bis die beiden tatsächlich ein Paar waren, bei dem man sagen konnte, dass sie nicht nur nebeneinander her leben, sondern miteinander.
Seit Casey dann seine erste Zahn OP hatte im März 2015, wich Findi nicht mehr von seiner Seite und von da an, war es ein wirkliches Pärchen.
Jedoch ist die Liebe nicht die Gleiche wie bei Findi & Leon, diese bleibt wohl einmahlig.

Hope, Kenai, Susi & Basti
2012 habe ich Basti (ein dreibeiniges Kaninchen) & seine Susi (EC Kaninchen mit schiefem Kopf) mit Hope und Kenai vergesellschaftet.
Zum Glück lief die Vergesellschaftung nicht ganz so schlimm, wie anfangs befürchtet. Alle sind ist ohne Verletzungen zusammen in ein großes Zimmer gezogen.
Man merkte jedoch immer ganz deutlich, dass die eigentlichen Pärchen Hope & Kenai und Susi & Basti waren.
Susi hatte immer mehr Bezug zu Hope & Kenai. Basti war aus meiner heutigen Sicht in der Gruppe überfordert, da Hope ihn oft mobbte.
Als uns Basti durch einen tragischen Unfall verließ, war ich schon gespannt, ob es zu erneuten Auseinandersetzungen kommt und wie Susi mit dem Verlust klar kommen würde.
Susi wurde dann erst einmal sehr ruhig und zog sich vermehrt zurück. Hope fing dann an, Susi etwas zu mobben und jagte sie des Öfteren. Kenai hingegen merkte man überhaupt nichts an.
Zum Glück ließ das Gemobbe von Hope an Susi innerhalb von 2-3 Wochen nach und es wurde ein tolles Dreiergespann, welches auch in der schweren EC Zeit von Hope fest zusammen hielt.

 

 

 


Hope, Kenai, Susi & Leon
Im August 2013 zog dann Leon zu der Dreiergruppe und man hätte meinen können, dass es eine harmonische Gruppe ist.

 

 

 


Jedoch trog der Schein, denn Hope mobbte immer wieder Leon, der durch seine Schmerzen (Spondylarthrose) gehandicapt war.
Da ich das schon von Basti kannte, nahm ich Leon dann nach knappen 4 Monaten wieder aus der Gruppe und vergesellschaftete ihn erfolgreich mit Findi.

Danach beschloss ich, die Dreiergruppe so zu lassen, da es eben gut funktionierte und ich mir den Slogan "never change a winnig team" auf die Fahne geschrieben habe.
Als Hope im Juli 2015 starb, konnte ich hinterher die Trauer von Kenai und Susi ganz deutlich spüren. Beide Kaninchen hatten sich zurück gezogen, es wurde extrem ruhig im Kaninchenzimmer und sie wollte eine ganze Weile in Ruhe gelassen werden.
Susi ist nun näher an Kenai gerückt und er lässt das auch zum Glück zu. Wobei Hope eben Kenais große Liebe war.
Kenai jedoch ist Hopes 2. Kaninchenpartner.

Vergesellschaftungen
Bereits seit 20 Jahren habe ich eigene Kaninchen und eigene Erfahrung in der Vergesellschaftung.
Seit 2010 führe ich Vergesellschftungen bei mir Zuhause für fremde Kaninchen durch oder helfe vor Ort.
Bisher gab es bei meinen Vergesellschaftungen noch kein Pärchen, welches wieder getrennt werden musste (toitoitoi).
Bei Gruppen hingegen hatte ich schon mehrfach nach einer ganzen Weile eine Rückinfo, dass es zu Schwierigkeiten innerhalb der Gruppe kam. Ständige Unruhe bis hin zu schlimmen Wunden, die genäht oder getackert werden mussten, waren hier die Folge.
Woher die Unruhen kamen ist leider völlig ungeklärt.
Jedoch komme ich inzwischen zu dem Entschluss, dass Kaninchen durchaus ein Trauma durch zu viele Vergesellschaftungen erfahren können.

Man muss sich ja nur einmal vorstellen, wie eine Vergesellschaftung in der Regel von statten geht:
- Kaninchen springen sich gegenseitig an
- beißen sich fest
- reißen sich einander Fell raus
- im schlimmsten Fall entstehen dabei richtige Fleischwunden oder es werden Ohren und Nase verstümmelt. Bei nicht wenigen Kaninchen
entstehen Wunden, die sogar genäht werden müssen.

Bei einem Pärchen (oder zwei gleichgeschlechtlichen) muss sich das jeweilige Kaninchen immer nur gegen ein Kaninchen zur Wehr setzen.
In einer Gruppe sieht das dann bereits ganz anders aus,denn da heißt es dann jeder gegen jeden.

Noch dazu sind nicht alle Kaninchen gruppentauglich und es kann auch durchaus vorkommen, dass ein Kaninchen in einer Pärchenkonstellation unterfordert ist.

Kaninchen, deren Psyche einen Knacks haben (sagt man so im Volksmund), können mit einer angemessenen Therapie wieder Vertrauen fassen. Mit einem Partnertier an ihrer Seite können sie sich auch einiges aneignen, was ihnen an Sozialverhalten fehlt.
Allerdings braucht das alles seine Zeit, viel Geduld und eine große Portion Liebe.

Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass es sich für jedes einzelne Kaninchen lohnt.




Gerne stehe ich für Fragen und Therapievorschläge zur Verfügung.



© Kaninchenraum, im August 2016